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Von Birte Schlinkmeier | 5 Min. Lesezeit
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Birte Schlinkmeier: Ich glaube, wir haben das einfach von klein auf gelernt. Über viele Dinge sprechen wir ganz selbstverständlich. Wir erzählen zum Beispiel, was wir gestern gegessen haben. Aber kaum jemand sagt: „Gestern habe ich mit meinem Mann geschlafen.“
Sexualität ist für viele etwas sehr Intimes, etwas, das nur einem selbst und dem Partner gehört. Das ist auch völlig in Ordnung. Aber in einer Partnerschaft sollte es eigentlich kein Tabuthema sein.
Das Problem ist nur: Wenn man am Anfang einer Beziehung nicht gelernt hat, darüber zu sprechen – über Wünsche, Vorlieben oder auch Grenzen – dann wird es später immer schwieriger. Dann denkt man irgendwann: Jetzt brauche ich auch nicht mehr damit anzufangen.
Und es beginnt eigentlich schon viel früher. Viele von uns haben als Kinder nie gelernt, die Dinge beim Namen zu nennen. Arme, Beine, Bauch – alles wird benannt. Aber beim Intimbereich wird es plötzlich kompliziert. Da gibt es dann Verniedlichungen oder Umschreibungen.
Diese Sprachlosigkeit nehmen viele Frauen mit ins Erwachsenenleben. Deshalb fällt es ihnen auch später schwer, über Sexualität zu sprechen.
In meiner täglichen Arbeit erlebe ich das sehr häufig. Natürlich habe ich keine wissenschaftliche Studie durchgeführt, aber nach vielen Jahren Erfahrung würde ich sagen: Bei Brustkrebspatientinnen sind es sehr viele Frauen.
Wenn eine Chemotherapie stattgefunden hat, wenn zusätzlich eine Antihormontherapie läuft und vielleicht auch das Alter eine Rolle spielt – dann erleben die meisten Frauen Veränderungen ihrer Sexualität.
Das hat viele Gründe. Ein ganz wichtiger ist der Hormonhaushalt. Wenn Östrogen, Progesteron oder Testosteron fehlen, funktioniert vieles im Körper nicht mehr so wie früher.
Wenn wir erregt werden, laufen normalerweise ganz viele Prozesse gleichzeitig ab: Die Durchblutung nimmt zu, die Vagina wird feucht, das Gewebe wird dehnbarer. All das gehört dazu, damit Sexualität angenehm ist.
Wenn diese hormonellen Abläufe gestört sind, kann es zu vaginaler Trockenheit, Schmerzen oder auch zu einem deutlichen Libidoverlust kommen.
Ja, und das darf man nicht unterschätzen. Viele meiner Patientinnen haben Narben oder andere sichtbare Veränderungen. Manche haben eine Brust verloren oder eine Brustwarze. Das verändert auch das eigene Körpergefühl.
Eine Patientin hat mir einmal erzählt, dass sie früher besonders über ihre Brustwarze erregt wurde – und genau die fehlt ihr jetzt. Das sind Dinge, über die kaum jemand spricht, die aber eine große Rolle spielen.
Und dann kommen noch die Nebenwirkungen der Therapie dazu: Hitzewallungen, Gelenkschmerzen, Müdigkeit oder auch Mundtrockenheit. Das klingt vielleicht banal – aber wer möchte schon küssen, wenn der Mund völlig trocken ist?
Sexualität braucht Unbeschwertheit. Aber wie soll man sich fallen lassen, wenn man gleichzeitig denkt: Morgen habe ich wieder Chemotherapie?
Vaginale Trockenheit ist tatsächlich eines der häufigsten Themen in meiner Beratung. Das Wichtigste ist: aktiv etwas dagegen tun. Viele Frauen denken, sie müssten das einfach aushalten. Das stimmt aber nicht. Wichtig ist auch zu verstehen: Die Trockenheit während einer Krebsbehandlung ist nicht unbedingt mit der in den Wechseljahren vergleichbar. Sie kann deutlich ausgeprägter sein.
Deshalb empfehle ich vielen Frauen eine sehr konsequente Pflege.
Das bedeutet zum Beispiel: über mehrere Wochen regelmäßig feuchtigkeitsspendende, pflegende Vaginalovula, beispielweise von Vulniphan®, verwenden und zusätzlich eine gute Creme für den äußeren Intimbereich. Wichtig ist dabei immer, sowohl die Vulva als auch die Vagina zu pflegen.
Viele Frauen merken schon nach wenigen Tagen, dass sich etwas verbessert. Entscheidend ist aber die Konsequenz. Ich vergleiche das gerne mit dem Zähneputzen. Das lassen wir ja auch nicht einfach weg.
Ja, tatsächlich kann er das. Das klingt für manche Frauen zunächst paradox, aber Geschlechtsverkehr fördert die Durchblutung im Intimbereich. Und eine gute Durchblutung hilft dem Gewebe, sich zu regenerieren.
Am Anfang sollte man natürlich vorsichtig sein und sich Zeit lassen. Ein gutes Gleitgel kann dabei sehr unterstützen – wobei man sagen muss: Gleitgel ist nicht gleich Gleitgel. Es sollte zur Schleimhaut und zum Körper der Frau passen.
Ja, weil ich finde, dass wir damit entspannter umgehen sollten. Ich empfehle häufig kleine Vibrationsgeräte, die Frauen helfen können, ihren Körper wieder kennenzulernen.
Das hat mehrere Vorteile: Die Durchblutung wird angeregt, das Gewebe bleibt elastisch und viele Frauen erleben wieder positive Empfindungen im Intimbereich.
Ich erkläre meinen Patientinnen immer: Das ist nichts Unnatürliches oder Peinliches. Es ist einfach ein Hilfsmittel.
Viele Frauen setzen sich selbst enorm unter Druck. Sie denken, ihr Partner erwartet unbedingt wieder Sex oder hat vielleicht kein Verständnis mehr.
Interessanterweise haben sie darüber oft noch gar nicht miteinander gesprochen.
Manchmal reicht schon ein einfacher Einstieg. Zum Beispiel zu sagen: „Ich habe einen Vortrag über Sexualität nach Krebs gehört.“
Dann entsteht ganz automatisch ein Gespräch. Wichtig ist, dass beide Seiten ehrlich sagen dürfen, was sie fühlen.
Verständnis und Geduld. Viele Frauen sagen, wie gut es ihnen tut, wenn ihr Partner signalisiert: Wir haben Zeit.
Gleichzeitig darf man aber auch die Partner nicht vergessen. Sie haben oft weiterhin ihre Libido und müssen lernen, von der Rolle des Pflegenden wieder in die Rolle des Liebhabers zurückzufinden. Das ist auch für sie nicht immer einfach.
Darum ist Wertschätzung so wichtig. Ein Satz wie „Danke, dass du die ganze Zeit an meiner Seite warst“ kann unglaublich viel bewirken.
Der erste Schritt ist immer: herausfinden, woher die Schmerzen kommen. Manchmal ist es tatsächlich „nur“ Trockenheit. Manchmal steckt aber auch eine andere Ursache dahinter, zum Beispiel eine Infektion oder eine Veränderung der Schleimhaut.
Wenn man weiß, woran es liegt, kann man gezielt etwas tun.
Und dann geht es Schritt für Schritt weiter. Ohne Druck. Ohne Erwartungen.
Denn Nähe und Intimität können viele Formen haben – und sie dürfen sich nach einer Krebserkrankung auch verändern.
Birte Schlinkmeier ist Pflegeexpertin für Brusterkrankungen an einer Rehaklinik. Seit über 17 Jahren begleitet sie Patientinnen und Patienten in der onkologischen Rehabilitation und hat sich auf die Nachsorge bei gynäkologischen Beschwerden spezialisiert. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Intimgesundheit nach Krebstherapien, insbesondere bei Problemen wie Scheidentrockenheit, die häufig durch Chemo-, Strahlen- oder Antihormontherapien entstehen.
Birte ist bekannt für ihre praxisnahen Tipps und ihr einfühlsames Beratungsangebot, das Betroffenen hilft, ihre Lebensqualität zurückzugewinnen. Sie vermittelt Strategien zur Pflege, empfiehlt geeignete Produkte (z. B. Vaginalovula, Schutzsalben, Gleitmittel) und setzt sich für eine offene Kommunikation über Tabuthemen wie Sexualität nach Krebs ein. Neben ihrer klinischen Tätigkeit engagiert sie sich als MammaCare®-Trainerin, Skin Coach und Referentin für Fachvorträge.
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